Yaşar Kemal fordert Rechte für Millionen

Februar 14, 2008 – 12:48 pm

Geschrieben von Ciwanro Kani am Dienstag, 12. Februar 2008

Am Wochenende fand in Ankara als Fortsetzung der Konferenz "Die Türkei sucht ihren Frieden" im vergangenen Jahr eine Zusammenkunft zum Thema "Demokratisierung und die kurdische Frage im neuen Verfassungsprozess" statt.

Der Schriftsteller YaÅŸar Kemal schickte eine Grußbotschaft an die ca. 400 Teilnehmer, in der er darauf verwies, dass eine Demokratisierung in der Türkei von einer Lösung der kurdischen Frage abhänge: "Wie soll eine Demokratie entstehen, wenn 15 Millionen Menschen keine Menschenrechte zugestanden werden?", hieß es in der Botschaft. 

Die Themen der Konferenz lauteten „Kurdenpolitik seit der Gründung der Republik“, „Verfassungsrechtliches Staatsbürgertum“, „Regionale Verwaltungen“, „Frauenbewegung und Frieden“, „Kulturelle Rechte und Identitäten“ sowie „Konfliktlösungen mit gewaltfreien Methoden“.

Kommentar von: Amos

Februar 14, 2008 @ 1:24 pm

Dies ist der Versuch, News-Beiträge ins eZine einzubringen und Kommentarbeiträge der Redaktion dazu zu setzen.

Ich fange ganz bewusst mit diesem Beitrag über YaÅŸar Kemal an, denn in diesen wenigen Zeilen ist genau das Problem beleuchtet, das KurdInnen wie TürkInnen im Staate “Türkei” hauptsächlich berührt - auch wenn sie es noch nicht bemerken (wollen): Wie schaffen wir es, wirklich ohne einen Bürgerkrieg die schreckliche Hinterlassenschaft des kemalistischen National-Chauvinismus zu überwinden?

Dieses Unterfangen ist nicht mehr ganz so hoffnungslos, wie es noch vor kurzem den Anschein hatte. Ich habe in den letzten Tagen in der in Englisch erscheinenden türkischen Presse so einige beachtenswerte Artikel gefunden, die zwar noch häufig mit kemalistischer Ideologie durchsetzt sind, aber doch eine gewisse Bereitschaft erkennen lassen, sich daraus in die Richtung demokratischer Rechtsstaatlichkeit zu emanzipieren.

Und es waren gerade die von vielen als heuchlerisch betrachteten Reden des derzeitigen türkischen Ministerpräsidenten, die das Fass der Geduld so mancher seiner aufmerksameren Landsleute in den Redaktionen einiger Zeitungen und Journale zum Überlaufen brachte. Behindern wir also bitte diesen Prozess nicht mit überzogener Kritik an jenen Boten, die uns diese Nachrichten überbringen!

YaÅŸar Kemal ist ja nicht nur der große alte Mann der Gegenwartsliteratur in der Türkei, er ist ja auch der vielleicht wichtigste noch lebende Pionier auf dem Wege dieses Landes in die Rechtsstaatlichkeit. Seine seit der Jahrtausendwende erschienenen Romane, allen voran “Die Ameiseninsel” und “Sturm der Gazellen”, thematisieren ja immer wieder den historischen Konflikt der kemalistischen Republik mit ihren nicht-türkischen Einwohnern. Und immer ist zwischen den Zeilen die tiefe Ablehnung des Dichters gegen die nunmehr rund 85-jährige Assimilierungspolitik dieses Staates zu erkennen, denn er schafft es, historische Ereignisse, dichterische Freiheit und den Traum einer wünschenswerten neuen Gesellschaft in seinem Schaffen zu vereinen.

Er hat erkannt, dass vor allem der konstituierende Bürgerkrieg der “Türkischen Republik” diese noch heute todbringende Hypothek in die Wiege gelegt hat. Dies wird besonders dann deutlich, wenn er in den beiden genannten Romanen mit großer Liebe die integrative lebendige Gemeinschaft seiner fiktiven Insel in Sichtweite des Ida-Gipfels der öden neu-bürgerlichen Assimilationsgesellschaft auf dem Festland gegenüberstellt.

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