Türkentum ist eine Religion - und Atatürk ist ihr Profet, Teil 02

März 19, 2008 – 12:39 pm

 Autor: Xemxwar



Personenkult um Atatürk



Wenn ein Staat angesehene Menschen hervorgebracht hat, so wird dieser Staat, sofern er nicht einer totalitären und undemokratischen Führung bzw. Diktatur ausgesetzt ist, keinen Personenkult betreiben! Es ist angebracht und sogar wünschenswert jener Menschen zu gedenken, die Großes in der Geschichte geleistet haben, damit ihre Taten nicht vergessen werden und Nachahmer finden…


…jedoch hat alles eine Grenze!


 

Personenkult um Atatürk



Wenn ein Staat angesehene Menschen hervorgebracht hat, so wird dieser Staat, sofern er nicht einer totalitären und undemokratischen Führung bzw. Diktatur ausgesetzt ist, keinen Personenkult betreiben! Es ist angebracht und sogar wünschenswert jener Menschen zu gedenken, die Großes in der Geschichte geleistet haben, damit ihre Taten nicht vergessen werden und Nachahmer finden…


…jedoch hat alles eine Grenze!


 
In demokratischen Staaten sind der Selbstdarstellung und Verehrung von Partei- und Staatsführern Grenzen gesetzt. Ausgeprägten "Personenkult" gab es  im Nationalsozialismus um Adolf Hitler, oder um Saddam Hussein im Irak. Ihre Statuen und Bilder waren überall! Zu ihren Lebzeiten schon waren sie um ein egozentrisches Leben bemüht, während in der Türkei mit Atatürks Nationalismus beginnend vor allem nach seiner Zeit eine Gesellschaft aufgebaut wurde, der man bereits im Kindesalter eine absolute Unterwerfung vor dem Atatürk-Doktrin anordnet.

Personenkult in sozialistischen Diktaturen gab es unter der Herrschaft Stalins in der Sowjetunion und davon abgeleitet in den anderen Staaten des sozialistischen Lagers um Mao Zedong in der Volksrepublik China, um Boleslaw Bierut in Polen sowie in Turkmenistan um "Türkmenbasi" und heute noch in Nordkorea um Vater und Sohn Kim.



Der türkische Professor und Politikwissenschaftler Yayla sollte bis zu drei Jahre ins Gefängnis, weil er den Staatsgründer Atatürk bei einer Podiumsdiskussion als «diesen Mann» bezeichnet haben soll, denn mit dieser Formulierung sei Atatürk beleidigt worden, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft im westtürkischen Izmir nach Medienberichten.



Ipek Calislar war vorgehalten worden , Atatürk in einer Biografie über seine Frau Latife Hanim als "Angsthasen" dargestellt zu haben. Laut Anklage drohten der Schriftstellerin bis zu viereinhalb Jahre Haft. In der Biografie beschreibt die Autorin einen Mordanschlag, dem Atatürk entgangen sein soll, weil er auf Anraten von Latife Hanim mit einem Schleier als Frau verkleidet aus dem Präsidentenpalast geflüchtet sei.



Die Moral ist nun nicht die Erforschung des Wahrheitgehaltes dieser Aussage, sondern zu schweigen, selbst wenn die Aussage einer Wahrheit entsprochen hätte, denn in der Türkei ist „das Bild des Vaters aller Türken bereits fixiert“ und neue Erkentnisse eine Herausforderung für von jahrelanger Gehirnwäsche isolierter Köpfe!



Ein weiteres Verfahren lief gegen Verleger Ragip Zarakolu, worin ist er wegen „Verunglimpfung des Staates und der Republik” gemäß Artikel 159 (ebenfalls umgewandelt in ein Verfahren gemäß Artikel 301) angeklagt wurde, sowie wegen “Beleidigung des Andenkens an Atatürk” nach Gesetz Nr. 5816 aufgrund der Veröffentlichung einer türkischen Übersetzung des Buches „Die Wahrheit wird uns befreien: Versöhnung zwischen Armeniern und Türken“ von George Jerjian (Gerçek bizi Özgür Kalıcak; İstanbul: Belge 2004).



Ich zitiere hier nicht Fälle, die Atatürk beleidigen oder ihm unangemessene Dinge unterstellen, sondern den blinden Nationalismus einer türkischen Gesellschaft, der nur zur Befriedungen eigener niederer Triebe dient!



Nicht selten wird Atatürk auch einem Propheten gleichgesetzt, denn so schrieb schon der Spiegel : „…Als Kaddor hier zu unterrichten begann, glaubten manche Kinder, Mohammed sei in Istanbul geboren und Atatürk ein Prophet“



Als die Proteste gegen die Reformen der AKP in Ekstase verliefen, schwörte der pensionierte Pilot Oberst Senay Güray  die Menge ein: "Du bist, mein Vater (Atatürk), der zur Heilung der Kranken von Gott augetragen wurde, ein unbenannter Prophet…!“



Beinahe alles wurde nach Atatürk benannt, dem „Vater aller Türken“, dessen Bild jedes Klassenzimmer schmückt und jeden Arbeitsplatz und auf allen Veranstaltungen nicht entbehrt wird, jedoch selten in voller Körpergröße, denn auf seinen vom Alkoholgenuß geformten Bauch konnte man verzichten!

Kemal Atatürk, der mehr und mehr zu einer sakralen Figur hochstilisiert wird. "Grosser Führer Mustafa Kemal Atatürk", sprach bei der Demonstration in Ankara Ali Ercan, Vorstandsmitglied des Atatürkschen Denkvereins, den toten Staatsmann in seinem Mausoleum direkt an:"24 992 Tage sind es, seit du von uns gegangen bist. Wir treten heute voll Scham und Trauer vor dich hin."



Kemal Atatürk, der bis zum Tod über die Türkei herrschte, denn selten lassen Diktatoren von ihrer Macht ab und sie alle rechtfertigen es auf die selbe Weise: Ohne sie würde der Staat zerfallen!



Der kemalistische Laizismus ist auch deshalb ein Etikettenschwindel, weil er einen anderen Glaubenskult schützt. In den Universitäten, die den Kopftuchfrauen verboten sind, hängen mehr Atatürk-Bilder als Kruzifixe im Vatikan. Und nicht nur dort! Ein Denkmal des Staatsgründers steht fast in jedem Dorf und in jedem Büro. In den Schulen müssen die Schüler jeden Montagmorgen im Schulhof antreten und ihre Treue zu Atatürk im Chor beschwören.  Im Unterricht wird das Leben Kemal Atatürks gelehrt wie eine Heiligenlegende. Wer die infrage gestellt, riskiert eine Blasphemie-Klage nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes, der "die Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt.



Wenn man sich in der Türkei aufhält, dann begegnet einem Atatürk zwangsläufig, sei es in Form von Bildern, Büsten, Statuen oder Zitaten. Die kultische Verehrung seiner Person ist Dogma der Staatsideologie der Republik! Hier ist er primär der "Vater der Nation", der "unsterbliche", "omnipräsente" und "größte Held der Türken".



Und natürlich hat der Staatsheilige auch seine Wallfahrtsstätte: das Atatürk-Mausoleum (Anitkabir) in Ankara, zu dem jährlich zu Atatürks Todestag Hunderttausende pilgern! Selbst der Zeitpunkt von Atatürks Tod ist allen Türken gegenwärtig: Um 9.05 Uhr heulen an jedem 10. November die Polizeisirenen auf, und viele Türken erstarren in Ehrfurcht und grüßen die nächste türkische Fahne.



Und: Nein! Vergleiche mit dem Dritten Reich müssen wir nicht aufstellen!



Kurioser ist, dass der Personenkult um den Vater aller Türken sogar Verfassungsrang hat. Laut Präambel ist Atatürk der "unsterbliche Führer und unvergleichliche Held", dessen "Reformen und Prinzipien" samt seiner "Auffassung von Nationalismus" für Staat und Nation verbindlich sind: Die Ehrfurcht der Atatürk-Kinder ist zum Verfassungsprinzip erstarrt.

Doch das kemalistische Verfahren des "Nation-Building" hatte auch zahlreiche faschistische Merkmale. Der Journalist Mustafa Aykol zählt dazu auch die offiziellen "Fantasien zur Überlegenheit der türkischen Rasse" und die Ernennung Atatürks zum "ewigen Führer". (Turkish Daily News, 7. Oktober 2007).



Selbst kurdische Parteien werden argwöhnisch beobachtet, wenn sie der Verehrung des ewigen Führers nicht Folge leisten:“Warum wurde auf dem DTP-Kongress kein Atatürk-Bild gezeigt und warum nicht die türkische Fahne gehisst?” klagen Medien an (Bianet, 09.11.07), als wären diese Forderungen gesetzlich geregelt!



So viel zu Atatürk, der nach Ismail Cem ("Türkiyede gerikalmiz ligin olusumu", 1973) Herr über folgendes Vermögen war: 15 472 Hektar kultivierten Boden, eine Brauerei (daran er letztendlich auch starb), zwei Molkerein mit 30 000 Litern pro Tag, zwei Joghurtfabriken, eine Fabrik für alkohlische Getränke (80 000 Liter Wein pro Jahr), Restauratns, Kasinos, Nachtklubs, 50 Häuser usw.



Dies wirft ein besonderes Licht auf die von Mustafa Kemal ausgegebene und täglich von den türkischen herrschenden Klassen hinausgeschmetterte Parole:"Wir sind ein Volk ohne Klassen und Privilegien!"


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