Nein zu diesem Krieg!
Februar 29, 2008 – 7:06 pmKriegführung ablehnen, Kriegsdienst verweigern, das ist seit jeher und bis in unsere Tage ein gesellschaftliches Tabu in der Türkei. Während täglich zig Zivilisten in der Türkei wegen Kriegsdienstverweigerung dem Richter vorgeführt werden, macht der türkische Krieg gegen so genannte „Vaterlandsverräter“ auch vor Prominenten nicht Halt. So muss sich demnächst die türkische Popdiva Bülent Ersoy vor einem Gericht der Türkei wegen „Verunglimpfung des Militärs“ verantworten. Bülent Ersoy hatte in der Sendung „Popstar Alaturka“ (vergleichbar mit "Deutschland sucht den Superstar") geäußert, dass sie, wenn sie einen Sohn hätte, ihn nicht zum Militär schicken würde.
Bülent Ersoy ist nur eine der wenigen Personen, die wegen Kritik an der türkischen Regierung vor dem Richter lande n wird. Atilla Yayla, Orhan Pamuk und Hrant Dink sind ebenfalls bekannte Namen, die wegen der ihnen zur Last gelegten Verstöße gegen die herrschende Ideologie schnell als „Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt wurden.
Nahezu täglich werden in der Türkei Menschen vor Gerichte gezerrt, die sich der herrschenden Ideologie nicht anpassen wollen oder öffentlich Kritik geäußert haben an ihren Ritualen. Doch bekommt diese durch öffentliche Rituale vorgetragene Zustimmung der breiten Masse in der Bevölkerung zur juristischen Durchsetzung der seit 85 Jahren betriebenen Politik erzwungener Assimilation neuerdings einige Risse. Aber noch immer wird, wer sich Berichterstattungen in den türkische Medien über die Militäroffensive ansieht, verwundert feststellen, dass bei Ritualen zum Begräbnis der gefallenen Soldaten türkische Kinder und Schüler lauthals Parolen rufen wie: „Die Märtyrer sterben nicht“ oder „Alles für das Vaterland“.
Anstatt zu Werten wie Brüderlichkeit, Frieden und Liebe erzogen zu werden, wachsen türkische Kinder in einer vom Militär geprägten Umgebung auf. Wer nicht ständig den Stolz auf seine Nationalität zum Ausdruck bringt oder gar Kritik an Militär oder an der Regierung äußert, muss schnell fürchten als „Feind des Vaterlandes“ gebrandmarkt zu werden. Täglich müssen türkische Kinder in den Schulen die Nationalhymne der Türkei singen und dem Staatsgründer huldigen. Ohne diese Bekundungen der Treue zum türkischen Staat und ohne dieses allmorgendliche Atatürk-Ritual wird kein Schüler in die Klassenzimmer reingelassen. Siehe dazu: "Die türkische Blutfahne" von Mustafa Akyol in dieser Ausgabe des Kurdmania-Magazins.
Es scheint, als wüsste die türkische Gesellschaft selber nicht, gegen wen sie ihren Krieg führt. Früher wurde die „kurdische Identität“ bekämpft ohne den Begriff "kurdisch" zu verwenden, weil kurdische Identität eigentlich nicht existieren durfte. Darum wurde versucht jede Regung kurdischer Kultur auszulöschen, síe für illegal zu erklären und die kurdische Sprache im öffentlichen Raum zu verbieten.
Heute werden jene Menschen illegalisiert, die der türkischen Kriegstreiberei im Wege stehen. Es stellt sich die Frage, was die Türkei zu verbergen hat. Wenn der türkische Krieg nur der PKK gilt, dann fragt man sich, warum die kurdische Bevölkerung der Türkei zwar sich an Wahlen beteiligen kann, aber in kultureller Hinsicht noch immer nicht gleichberechtigt ist. Noch immer gibt es keine einzige Schule mit kurdischer Unterrichtssprache, keinen einzigen unabhängigen kurdischen TV-Sender, eine kurdische Zeitung oder politische Zeitschrift. Viel schlimmer ist, dass täglich Millionen Menschen dem in den Medien verbreiten und propagierten Militarismus der Türkei blindlings Folge leisten. Sänger werden angeklagt, deren Lieder seit drei Jahrzehnten aus unseren Radios ertönen, sie werden zur "Unperson", und schon bald werden sie von der Mehrheit ihrer Fans vergessen.
Anstatt Jagd auf „Vaterlandsverräter“ zu machen sollten einige lieber darüber nachdenken, ob sie nicht lieber Jagd auf die Feinde der Demokratie und des Friedens machen sollten.