Türkentum ist eine Religion - und Atatürk ist ihr Profet, Teil 01

März 18, 2008 – 1:24 am

Der hinterhältige Anschlag auf den Penis von Atatürks Standbild-Pferd

von Mustafa Akyol,
Übersetzung: Karl G. Mund

Da haben Sie was verpasst. In der letzten Woche enthüllte der CHP-Vorsitzende der Stadt Denizli, Herr Ali Kavak, die jüngste Attacke auf unsere säkulare Republik und ihren Gründer. Allen Ernstes stellte er sich vor die Pressekameras mit einem Foto der Statue von M. Kemal Atatürk, die im Stadtzentrum aufgestellt wurde. "Wie Sie sehen," sagte er, "wurde der Penis des Pferdes abgebrochen, auf dem Atatürk sitzt." Dann fuhr er fort den finsteren Plan aufzudecken, der hinter dieser Gotteslästerung stünde: "Wir glauben, dass AKP-Funktionäre den Penis abgebrochen haben," versichterte er, "die Geisteshaltung, welche die Köpfe unserer Frauen mit Tüchern verdeckt vergreift sich nun an Kunstwerken!"

Die Tageszeitung Hürriyet brachte die Meldung auf der Titelseite: "Die schockierende Debatte über das Atatürk-Denkmal." Nach Auskunft des Hürriyet-Reporters leugnete der AKP-Vorsitzende der Stadt, gleichzeitig ihr Bürgermeister, diese Anschuldigung völlig. "Das ist überhaupt nicht wahr," sagte er und fügte hinzu: "Wir finden diese Auseinandersetzung beschämend." Auch er zeigte Fotos der Statue aus dem Jahre 2004 zum Beweis, dass die angebliche übertriebene Beschneidung niemals stattgefunden habe.

Bizarre Verbrechen

Der Hürriyet-Reporter sprach auch mit dem früheren Dekan der Mimar Sinan Kunsthochschule, Dr. Tamer BaÅŸoÄŸlu, dem Schöpfer jener Statue. "Ich habe diese Statue mit meinen Händen geformt," bestätigte er, "und ich finde diese Anschuldigungen bizarr."

In der Tat, der Vorfall ist völlig bizarr. Selbst wenn die AKP-Leute heimliche Islamisten wären und vorhätten aus der Türkei eine Art Iran zu machen, wie viele CHP-Anhänger fantasieren, würden sie wohl kaum damit anfangen, die Pferde der Atatürk-Statuen zu kastrieren. Aber solche Wahnvorstellungen über den Staatsgründer und die "Angriffe" auf ihn werden wohl nie aus der öffentlichen Wahrnehmung der Türken verschwinden. Vor ungefähr einem Monat wurde eine andere Ortsgruppe der AKP, diesmal in KuÅŸadası, beschuldigt "Atatürk beleidigt zu haben", weil sie bei einer Versammlung ein Plakat mit seinem Bild aufgehängt hatten und es später wieder abnahmen. Dieses "Verbrechen" wurde durch die Medien entlarvt und die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Bald stellte sich heraus, dass die Strippen, die das überlebensgroße Plakat mit dem Bild des Obersten Führers trugen, nicht stark genug waren und dass eine während der Veranstaltung zerriss. "Deshalb mussten wir das auf halbmast hängende Poster abnehmen," erklärte Ibrahim Üstün, der örtliche AKP-Vorsitzende. "Wir hatten wirklich keine bösen Absichten."

Als Bürger der Türkei seit mehr als drei Jahrzehnten habe ich ungezählte derartige Vorfälle erlebt, die ein grundlegendes Problem unserer Nation aufzeigen: Wir haben Atatürk zu einer gottgleichen Figur erhoben, und dieser Personenkult führt uns zu irrationalem Verhalten und zur Engstirnigkeit. Zweifellos war er ein großer Führer, der Dankbarkeit verdient und Respekt. Aber das sollte geschehen in der Art, wie die Amerikaner George Washington betrachten, nicht so, wie die Nordkoreaner mit Kim Il Sung umgehen.

Meinen Sie, der Begriff "Anbetung" sei übertrieben? Dann denken Sie mal hierüber nach: Es gibt türkische Dichter wie z.B. den berühmten Behçet Kemal ÇaÄŸlar, der Atatürk wörtlich bezeichnete als "Gott, der in Samsun das Land betrat" (um 1919 den "Befreiungskrieg" zu beginnen). Die Lehrpläne der Schulen sind voll mit ähnlichen Sprüchen. Und deshalb schreiben unsere Schüler weiterhin Gedichte wie dieses:

"Du bist im Himmel, mein Atatürk!
Du siehst herab auf uns aus den Sphären!
Du bist nie von uns gegangen.
Du bist es, der unser Schicksal beschließt.
Du hast uns aus Tod und Sklaverei errettet.
Du bist der, welcher uns Leben gibt!"

Dieses Gedicht der 12-jährigen Schülerin Ecem siegte im "Atatürk Lyrik-Wettbewerb", der in diesem Jahr für die Grundschulen in Istanbul ausgeschrieben wurde. Solche Wettbewerbe gibt es Jahr für Jahr in allen Schulen im ganzen Land, und ähnliche Gedichte schwirren überall herum. Es ist ja keine Überraschung: Das türkische Erziehungssystem ist nicht für die Erziehung zu kritischem Denken eingerichtet, sondern zur Produktion unkritisch gehorchender Bürger.

Aus all dem habe ich zwei Schlussfolgerungen gezogen: Die erste besagt, dass, wenn Sie die Debatte in der Türkei über "Islam gegen Säkularismus" betrachten, Sie beachten sollten, dass Säkularismus hier seine eigenen religiösen Züge hat, die sich vom Kult um den Obersten Führer herleiten. In diesem Sinne kann die Türkei in mancher Hinsicht als "theokratisch" bezeichnet werden. Im benachbarten Iran stützt sich die Theokratie auf den Islam, und die Ayatollahs, welche die Auslegungshoheit dafür beanspruchen, genießen außergewöhnliche politische Macht. In der Türkei haben wir stattdessen eine säkulare Priesterschaft –die staatlichen Institutionenm, welche die Interpretationshoheit über Atatürk beanspruchen – und damit die politische Souveränität des Volkes an sich binden. Der Fairness halber will ich zugestehen, dass unser "Theokratie" um vieles sanfter und offensichtlicher ist als die im Iran, aber sie ist immer noch ein Hindernis für die Demokratie.

Karikaturen und Eiferer

Meine zweite Schlussfolgerung befasst sich mit dem Eifer, den "säkulare" Kemalisten bei der Verteidigung ihrer Kultobjekte an den Tag legen. Ihre Intoleranz gegen jede wirkliche wie eingebildete Herausforderung gegenüber Atatürk (und sogar die Pferde seiner Statuen!) in Verbindung mit dem tiefsitenden Glauben an die Existenz gar schröcklicher Verschwörungen gegen ihn ähnelt sehr stark einer anderen Plage in diesem Teil der Welt: Jenen wütenden Muslimen, die es nicht ertragen können, irgendetwas Kritisches gegenüber dem Islam zu hören oder zu sehen. Diese religiösen wie säkularen Gläubigen sind scheinbar nicht so verschieden voneinander bei der Verteidigung dessen, was sie als heilig ansehen.

Vielleicht kommt aber das Eiferertum jener extremistischen Muslime nicht unbedingt von den zentralen Lehrinhalten des Islam, wie viele Menschen im Westen dieser Tage glauben mögen, sondern aus dem tief verwurzelten Glauben in östlichen Gesellschaften an absolute Wahrheiten, absolute Herrscher und absoluten Gehorsam.

Noch ein Hinweis von mir: Wir wissen wie heftig einige Muslime auf die Karikaturen über den Profeten Mohammed reagierten. Was denken Sie, wie würden Kemalisten auf ähnliche Karikaturen über Atatürk antworten? Ich habe keine Idee, weil ich noch nie eine solche zu Gesicht bekam.

Kommentar von: Amos

März 18, 2008 @ 1:25 am

Ist es Zufall, dass dieser Artikel des von mir bis auf wenige “Ausrutscher” (gelegentliche Anfälle von Vaterländischkeit) sehr geschätzten Kolumnisten-Kollegen Mustafa Akyol just einen Tag vor der Aktion des führenden Staatsanwalts Abdurrahman Yalcinkaya zur Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die Partei von RTE & Co. in “Turkish Daily News” erschien? Was das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Geduld des Staatsanwalts den letzten Dolchstoß in den Rücken setzte? Wir werden es wohl nie erfahren.

Auf jeden Fall hat Mustafa Akyol mit seiner heutigen Meinungskolumne noch eins draufgesattelt und über den Versuch eines Staatsstreichs durch die türkische Justiz geschrieben. Das werde ich wohl auch noch übersetzen, bitte meine LeserInnenschaft aber noch um etwas Geduld.

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