20 Jahre Halabja
März 18, 2008 – 1:50 amHalabja: Die politische Dimension der Erinnerung
von Joost R. Hiltermann
übersetzt von Karl G. Mund
Der Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabja während der Zeit des Saddam-Regimes am 16. März 1988 war von jeher umgeben von Entstellung und Verleugnung. Allein die Wahrheit kann den Opfern gerecht werden, sagt Joost R. Hiltermann
openDemocracy 14.03.2008
Diese (nun folgenden Angriffe mit) Chemikalien töteten einige Hundert (Menschen) und erzielten den erwünschten Erfolg: sie spülten verängstigte Dorfbewohner in die Gewalt der irakischen Armee, die sie in Übergangslager fuhr, aussortierte nach Geschlecht und Alter, und dann Zehntausende zu Hinrichtungsstätten in die westlchen Wüstengebiete des Landes karrte, weit weg von Kurdistan, wo sie bis zum heutigen Tage unter einer dünnen Sandschicht begraben liegen.
Dieser 16. März ist auch der zweite Jahrestag der Zerstörung des Halabja-Denkmals durch die Stadtbewohner selbst, viele davon überlebende Verwandte (der Opfer von 1988). Sie empörten sich über den Brauch der teilweise von Jalal Talabanis PUK kontrollierten kurdischen Regionalregierung, ausländische Würdenträger wie eine Schafherde zu den Massengräbern und Denkmälern zu treiben, während sie wenig für die Wiederherstellung der Stadt und für ihre Bewohner taten, von denen viele noch über die gesundheitlichen Spätfolgen durch das Senfgas klagten.
Diese Vorfälle bleiben schmerzhaft lebendig für Kurden, besonders für diejenigen, die sie durchleben mussten und Verwandte verloren. Sehr wenige Familien waren nicht betroffen und im Gebiet Germian, dem hügeligen Hinterland des ölreichen Kirkuk, wurden manche Familien vollständig ausgerottet durch Saddam Husseins Arabisierungsaktion. Die heutige kurdische Ausrichtung auf eine größere Autonomie, an deren Ende auch eine Unabhängigkeit stehen könnte, wenn es die Verhältnisse erlauben, ist zwar älter als Halabja und Anfal, aber diese zwei zusammengehörenden Ereignisse verliehen diesen Bestrebungen eine besondere Dringlichkeit: die Kurden können nicht darauf vertrauen, dass in der Zukunft eine irakische Regierung nicht erneut solche Taktiken anwenden wird. Außerdem sehen sie sich eingeklemmt zwischen Nachbarn, Türkei, Iran und Syrien, die ihren Bestrebungen feindlich gegenüber stehen und die Macht haben, sie einzudämmen; der kürzliche türkische Einmarsch in Nordirak ist da lediglich die letzte Botschaft, die übermittelt wurde.
Die USA spielten eine widersprüchliche Rolle mit ihrer Unterstützung Saddam Husseins während des iranisch-irakischen Krieges, mit den Sanktionen gegen Irak, die die Menschen trafen anstelle des Regimes, durch den Sturz des Regimes bei gleichzeitigem Versagen bei der Stabilisierung des Landes, sowie mit der Einrichtung eines Gerichtshofes mit vorgeschriebener Struktur und eingeschränktem Mandat, neben weiteren beschämenden Informationen über frühere politische Handlungsweisen. Es sollte nicht überraschen, dass auch die gutwilligste Aktion der USA im Zusammenhang mit der Abschaffung des früheren Regimes wenig Vertrauen bei einer Bevölkerung weckt, die gelernt hat mit andauerndem Betrug durch eine Supermacht zu leben, und das trifft auch für die Kurden zu.
Chronik des Geschehens
Die Ablaufsgeschichte ist wichtig. 1988 neigte sich der iranisch-irakische Krieg dem Ende zu nach acht blutigen Jahren, aber am 14. März erfolgte ein Überraschungsangriff von iranischen Pasdaran (Revolutionswächtern) und irakisch-kurdischen Peschmerga nach irakisch Kurdistan. Nach dem Grenzübertritt überrannten sie den gesamten Kreis Halabja, der mehrere Kommunen wie z.B. Khurmal umfasst, aber auch Umsiedlerlager, wohin Dörfler im Rahmen der Dorfzerstörungskampagne verbracht wurden. Diese Kampagne eskalierte mit der Ernennung von Saddam Husseins Cousin Ali Hassan al-Majid, und nun vertrieb der iranisch/kurdische Vorstoß vollständig die Iraker. Viele Soldaten ertranken im Darbandikhan-See, anderen gelang die Flucht, Tausende wurden gefangen genommen. Die rebellierenden kurdischen Parteien übernahmen die Kontrolle über Halabja und Khurmal, währen Iranische Truppen die irakischen Verteidigungsstellungen auf den Hügelkuppen einnahmen.
Am 15. März war Halabja völlig in Händer der Peschmerga. Die Einwohner erinnerten sich später, dass, obwohl sie sich über die Befreiung von irakischer Unterdrückung freuten, doch ein ungutes Gefühl aufkam. Sie waren durch und durch vertraut mit der brutalen Vorgehensweise des Regimes: ein Jahr zuvor hatten Sicherheitskräfte eines der Stadtviertel von Halabja dem Erdboden gleichgemacht nach Protestaktionen in den Straßen wegen der Dorfzerstörungskampagne.
Am Nachmittag des 16. März begann die irakische Luftwaffe massive chemische Angriffe gegen Halabja und Khurmal. Obwohl keine genaue Opferzählung durchgeführt wurde, denn die Überlebenden beerdigten mit Hilfe der Peschmerga und deren iranischen Verbündeten rasch die Toten in provisorischen Massengräbern, wird allgemein berichtet, dass 5000 den Tod fanden, zumeist durch Nevengas, die Mehrheit davon Zivilisten. Viele weitere wurden verletzt, hauptsächlich durch Senfgas; sie wurden in iranische Krankenhäuser gebracht. Die Pasdaran und Peschmerga-Soldaten waren mit Schutzmitteln ausgerüstet und hatten deshalb nur wenige Verluste.
Der Schlag gegen Halabja erwies sich als verhängnisvoll für die kurdische Moral. Der kurdische Aufstand brach über Nacht zusammen, und am 19. März konnte das Regime in großen Schlagzeilen die Einnahme des PUK-Hauptquartiers im Jafati-Tal nördlich von Silêmanî vermelden. Die Nachricht des Chemie-Angriffs auf Halabja breitete sich aus über Kurdistan wie ein Buschfeuer, und das Regime konnte sich dies zunutze machen für eine gründliche Militäraktion, die nicht nur die Peschmerga aus den ländlichen Gebieten vertrieb, sondern auch die Zivilbevölkerung, so dass es nicht mehr zu einer Aufstandsbewegung im ländlichen Raum kommen konnte.
Die Manipulation des Ereignisses
Bis heute bleiben die Anfal-Operation und der Giftgasangriff außerhalb Kurdistans im Unwissen verborgen. Die Region war so lange vor der Außenwelt verschlossen, ihre Infrastruktur so wenig einladend für ausländische Besucher, dass nur wenige sich daran gemacht haben die Erinnerung an dieses Leiden mit den Kurden zu teilen. Die Kurden waren zudem Opfer ihres Kriegsbündnisses mit Iran, dessen revolutionär-islamisches Regime seit dem Sturz des Schah in den späten 1970-er Jahren geächtet war. Mit Unterstützung durch die USA leugnete die irakische Propaganda entweder, was geschehen war, oder spielte die Bedeutung dieser Ereignisse herunter und verfälschte sie jenseits jeder Erkennbarkeit.
Innerhalb einer Woche nach dem Angriff behauptete das US-Außenministerium, gestützt auf Informationen durch den militärischen Nachrichtendienst DIA, das Iran ebenfalls Giftgas in Halabja eingesetzt hätte. Diese Information erzeugte so viel Verwirrung, dass der UN-Sicherheitsrat erst eine Resolution für zwei Monate auf Eis legte und dann beide Seiten wegen der Anwendung von Chemiewaffen verurteilte. Der DIA-Report wurde 2 Jahre später von dem CIA-Analytiker Stephen Pelletiere noch verstärkt, der unter Zuhilfenahme der DIA-Daten behauptete, dass die Mehrheit der Halabja-Toten iranischen Gasangriffen zum Opfer gefallen wären. Pelletiere hat diese Behauptung später mehrfach wiederholt, aber niemals irgendeinen Beweis dafür erbracht außer den vagen Spekulationen der DIA zu jener Zeit.
Diese Verwirrung erschwerte den Kurden, internationale Anerkennung für die Tragödien von Anfal und Halabja zu erlangen. In Irak selbst betrachten viele Leute die kurdischen Behauptungen als Fantasie, während andere diese Ereignisse als gerechtfertigten Gegenschlag gegen den kurdischen Aufstand betrachteten: "die Kurden kriegten, was ihnen zustand". Der Prozess wegen der Verbrechen im Zusammenhang mit der Anfal-Kampagne gegen Ali Hassan al-Majid und einige hohe Offiziere mit der Verurteilung von al-Majid und zweier Kollegen im Juni 2007 war ein Schritt in Richtung auf die volle Anerkenntnis dessen, was geschehen war; aber die Auseinandersetzungen über die Einsetzung des Gerichtshofes, das Mandat und die Vorgehensweise haben dessen Glaubwürdigkeit herabgesetzt und damit auch die Glaubwürdigkeit der vorgetragenen Beweise. Unter diesen Defiziten wird auch ein künftiges Verfahen wegen Halabja leiden. Außerdem werden dann die Hauptschuldigen, Saddam Hussein und Ali Hassan al-Majid, einschlägig als "Chemie-Ali" bekannt, nicht mehr am Prozess beteiligt sein.
Die Bewältigung der Vergangenheit
Im Januar 2008 organisierte die kurdische Regionalregierung ihre erste Veranstaltung zur Erinnerung an Anfal; Halabja wurde im Veranstaltungsprogramm nicht genannt. Doch sind Halabja und Anfal untrennbar miteinander verbunden, weil der Giftgasangriff als mächtiger Demonstationseffekt zur Unterdrückung des kurdischen Aufstandes diente. Weitere Gedächtnisveranstaltungen sind geplant, wie auch solche, die sich mit der Gestaltung der Zukunft befassen werden. Dies sollte begrüßt werden, weil Wissen und breite Anerkennung dieser Ereignisse als Gräueltaten seit langem überfällig sind. Die Anffal-Kampagne wurde durch ein niederländisches Gericht als Genozid-Tat eingestuft, als ein Unternehmer im Jahre 2006 verurteilt wurde, der das irakische Regime mit chemischen Vorprodukten für die Herstellung tödlicher Mittel versorgt hatte.
Für die kurdische Regionalregierung dient das Gedenken an Anfal/Halabja der politischen Aktivität für die Erzielung umfassenderer politischer Autonomie in Irak. Aber für viele Überlebende geht es um die Frage, ob sie irgend einen Vorteil von größerer Publizität dieser grauslichen Ereignissen haben könnten, von denen sie keine Ahnung hatten, über die sie keine Kontrolle ausüben konnten und in deren Nachlauf sie vernachlässigt wurden außer als passive Opfer, die zu politischen Gegebenheiten vorgeführt werden.
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Joost R. Hiltermann ist stellvertretender Leiter der Nahost- und Nordafrika-Abteilung der International Crisis Group und Autor von “A Poisonous Affair“ : America, Iraq, and the Gassing of Halabja (Cambridge University Press, 2007)
Karl G. Mund ist Redakteur bei www.yeziden-colloquium.de